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Interpretation
Die Anekdote "Das Bild der Schlacht am Isonzo"
des deutschen Schriftstellers Günter Kunert handelt von einem Gemälde, das die
Ereignisse einer Schlacht zwischen Italienern und Österreichern im ersten
Weltkrieg darstellt.
Der Maler, der selbst als Soldat am Isonzo, einem Fluss in Italien, mitkämpfte,
fertigte das Bild mit noch frischen Erinnerungen an die Schlacht an. Im
Vordergrund zeigt es in grausamer Weise die leidenden Sterbenden und die
respektlos behandelten Toten als tiefgreifendste, schlimmste Eindrücke des
Kampfes. Dahinter sind kämpfende Soldaten dargestellt, die sich ängstlich
ihrer Pflicht ergeben. Im Hintergrund sitzen, unbeeindruckt von der Schlacht,
sich amüsierende Offiziere, die sich ausgelassen vergnügen und sogar
Kriegsausrüstungen zu ihrem eigenen Profit verkaufen.
Als ein General eines Tages zu jenem Maler kommt, um sich porträtieren zu
lassen, fällt ihm dieses Bild ins Auge. Erschrocken von der brutalen,
ungeschminkten Darstellung des Kampfes, behauptet er, "das Bild
lüge". Nach genauerem Betrachten des Gemäldes entdeckt er jedoch eine
kleine Gestalt, die heldenmütig und kampfesfroh auf das Schlachtfeld spaziert
und sogar singt. Dieses Detail lässt sich der General ausschneiden und
einrahmen um künftigen Generationen ein positives Bild von der Schlacht am
Isonzo zu vermitteln.
Jene unscheinbare, fröhliche Gestalt stellt das Ereignis so dar, wie es der
General sehen will. Er, als alter Offizier, verherrlicht den Kampf und kann oder
will sich nicht an die Grausamkeiten der Schlacht erinnern. Möglicherweise hat
er alles Negative verdrängt und nur den triumphalen Kampf für Ehre und
Vaterland im Gedächtnis behalten. Das ausgelassene Verhalten der Offiziere hat
er bestimmt miterlebt und mitgestaltet, will es jedoch, obwohl er sich daran
erinnern kann, nicht zugeben.
Der Maler als Vertreter der Soldaten und als offensichtlicher Kriegsgegner mag
mit seiner Darstellung der Schlacht etwas übertrieben haben, wird jedoch im
Großen und Ganzen die Ereignisse verhältnismäßig wirklichkeitsnah
wiederspiegeln. Er hat nicht verdrängt oder unterschlagen, dass es sehr wohl
Soldaten gab, die mit Leib und Seele für ihr Vaterland in den Krieg zogen. Dass
diese Männer in der Minderheit waren, zeigt er dadurch, dass er die Gestalt
klein und unscheinbar malte. Die negativen Kriegserinnerungen überwiegen für
ihn.
Kunert, der die Schlacht nicht selbst miterlebt hat, stellt in dieser Anekdote
dar, wie unterschiedlich verschiedene Darstellungen eines Sachverhaltes einen
Dritten beeindrucken können. Beide Perspektiven, die er beschreibt, sind
gegensätzlich und natürlich subjektiv. Der Maler, als charakteristischer
Vertreter der Soldaten, sieht die Schlacht grausam und unmenschlich. Die Sicht
des Generals, die der der Offiziere allgemein entspricht, ist jedoch
grundverschieden. Ob der Maler den Kampf wirklich wahrheitsgetreu wiedergibt,
ist nicht oder nur schwer nachzuvollziehen. Seine Variante wirkt jedoch
glaubwürdiger als die des Generals, da das Bild durch rohe Sprache sehr
anschaulich und lebendig beschrieben wird und somit beim Leser einen tiefen
Eindruck hinterlässt.
Neben der Verdeutlichung des Grundgedanken, wie unterschiedlich ein Betrachter
anhand von verschiedenen Blickwinkeln auf eine Sache beeinflusst werden kann,
klagt Günter Kunert in seiner Anekdote das charakterlose Verhalten der
Offiziere im Krieg an. Er kritisiert ihre teilnahmslose Einstellung und ihr
macht- und geldhungriges Benehmen. Durch seine barbarische Beschreibung der
Schlacht wird deutlich, dass auch Kunert ein Pazifist ist.
Wörter: 513
Katja Likowski