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Günter Kunert (*1929)
Das Bild der Schlacht am Isonzo (zw. 1968-72)

Interpretation

Die Anekdote "Das Bild der Schlacht am Isonzo" des deutschen Schriftstellers Günter Kunert handelt von einem Gemälde, das die Ereignisse einer Schlacht zwischen Italienern und Österreichern im ersten Weltkrieg darstellt.
Der Maler, der selbst als Soldat am Isonzo, einem Fluss in Italien, mitkämpfte, fertigte das Bild mit noch frischen Erinnerungen an die Schlacht an. Im Vordergrund zeigt es in grausamer Weise die leidenden Sterbenden und die respektlos behandelten Toten als tiefgreifendste, schlimmste Eindrücke des Kampfes. Dahinter sind kämpfende Soldaten dargestellt, die sich ängstlich ihrer Pflicht ergeben. Im Hintergrund sitzen, unbeeindruckt von der Schlacht, sich amüsierende Offiziere, die sich ausgelassen vergnügen und sogar Kriegsausrüstungen zu ihrem eigenen Profit verkaufen.
Als ein General eines Tages zu jenem Maler kommt, um sich porträtieren zu lassen, fällt ihm dieses Bild ins Auge. Erschrocken von der brutalen, ungeschminkten Darstellung des Kampfes, behauptet er, "das Bild lüge". Nach genauerem Betrachten des Gemäldes entdeckt er jedoch eine kleine Gestalt, die heldenmütig und kampfesfroh auf das Schlachtfeld spaziert und sogar singt. Dieses Detail lässt sich der General ausschneiden und einrahmen um künftigen Generationen ein positives Bild von der Schlacht am Isonzo zu vermitteln.
Jene unscheinbare, fröhliche Gestalt stellt das Ereignis so dar, wie es der General sehen will. Er, als alter Offizier, verherrlicht den Kampf und kann oder will sich nicht an die Grausamkeiten der Schlacht erinnern. Möglicherweise hat er alles Negative verdrängt und nur den triumphalen Kampf für Ehre und Vaterland im Gedächtnis behalten. Das ausgelassene Verhalten der Offiziere hat er bestimmt miterlebt und mitgestaltet, will es jedoch, obwohl er sich daran erinnern kann, nicht zugeben.
Der Maler als Vertreter der Soldaten und als offensichtlicher Kriegsgegner mag mit seiner Darstellung der Schlacht etwas übertrieben haben, wird jedoch im Großen und Ganzen die Ereignisse verhältnismäßig wirklichkeitsnah wiederspiegeln. Er hat nicht verdrängt oder unterschlagen, dass es sehr wohl Soldaten gab, die mit Leib und Seele für ihr Vaterland in den Krieg zogen. Dass diese Männer in der Minderheit waren, zeigt er dadurch, dass er die Gestalt klein und unscheinbar malte. Die negativen Kriegserinnerungen überwiegen für ihn.
Kunert, der die Schlacht nicht selbst miterlebt hat, stellt in dieser Anekdote dar, wie unterschiedlich verschiedene Darstellungen eines Sachverhaltes einen Dritten beeindrucken können. Beide Perspektiven, die er beschreibt, sind gegensätzlich und natürlich subjektiv. Der Maler, als charakteristischer Vertreter der Soldaten, sieht die Schlacht grausam und unmenschlich. Die Sicht des Generals, die der der Offiziere allgemein entspricht, ist jedoch grundverschieden. Ob der Maler den Kampf wirklich wahrheitsgetreu wiedergibt, ist nicht oder nur schwer nachzuvollziehen. Seine Variante wirkt jedoch glaubwürdiger als die des Generals, da das Bild durch rohe Sprache sehr anschaulich und lebendig beschrieben wird und somit beim Leser einen tiefen Eindruck hinterlässt.
Neben der Verdeutlichung des Grundgedanken, wie unterschiedlich ein Betrachter anhand von verschiedenen Blickwinkeln auf eine Sache beeinflusst werden kann, klagt Günter Kunert in seiner Anekdote das charakterlose Verhalten der Offiziere im Krieg an. Er kritisiert ihre teilnahmslose Einstellung und ihr macht- und geldhungriges Benehmen. Durch seine barbarische Beschreibung der Schlacht wird deutlich, dass auch Kunert ein Pazifist ist.

Wörter: 513

Katja Likowski

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