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Todesfuge von Paul Celan
Viele Geister stritten sich darum, ob man Gedichte über
Konzentrationslager schreiben könne, ob es möglich sei diese Katastrophe in
Poesie zu fassen.
Paul Celan, der selber Insasse eines solchen war, zeigt mit seiner
"Todesfuge" auf eine meisterhafte Weise, dass es funktioniert. Dabei
balanciert er an der Grenze dessen, was man noch aussagen kann, und dessen was
mit Worten nicht mehr auszudrücken ist.
Ungeformt und unbewältigt treten immer neue Partikel der schrecklichen
Wirklichkeit aus dem Bewusstsein heraus.
Obwohl das Gedicht wie ein ständiges Anspielen und Assoziieren ohne festes
Bezugssystem wirkt, folgt die "Fuge" ebenso wie die wirkliche Fuge (im
musikalischen Sinne) einem festgelegtem Schema. Ebenso folgt das, in dem Gedicht
beschriebene, Leben der Juden im KZ einem Schema.
Der Titel zeigt damit schon von Anfang an die Unausweichlichkeit; ein so
durchgeplantes System, dass es kein Entkommen geben kann.
Die rythmische Reihung der Wörter entfacht eine hypnotische Wirkung, ebenso den
Eindruck der Atemlosigkeit. Es könnten die verbliebenen Stimmen der
Lagerinsassen sein.
Die "schwarze Milch" ist ein Oxymoron, welches als ein häufig
wiederkehrendes Motiv auftaucht. Sie zeigt zum einem, durch das penetrante
Wiedererwähnen, die allgegenwärtige Todesangst, die alles erfüllt und die die
Atmosphäre im KZ angibt. Zum anderen aber zeigt dieser Widerspruch den Verlust
jeder Ordnung, der im KZ herrscht. Das Normale ist abnormal geworden. Die
schwarze Milch, die einen beklemmt, am Anfang distanziert erwähnt (wir trinken
sie), wird zur Gewohnheit, sie hat jetzt an persönlicher Bedeutung gewonnen
(wir trinken dich), sie gehört zum Leben dazu.
Das ständige Wechseln der Sichtweise, von Opfer zu Täter und von Täter zu
Opfer lässt einen Einblick in den "Mann" gewähren. Er wohnt
geborgen, bürgerlich in einem Haus. Der Tod den er bringt, erscheint in ihm in
der Gestalt eines Durchschnittsdeutschen, ein harmloser Mann, der Briefe an
seine Freundin schreibt. Doch sogleich tritt das dämonische hinzu, er
"spielt mit den Schlangen", die Schlange als Symbol des Bösen steht
für seine Lederpeitsche.
"Er tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne"; eine scheinbar
idyllische Situation, doch die nächsten Verse verraten, dass die Sterne
vielleicht nicht die Sterne am nächtlichen Himmel sind, sondern die Aufnäher
an der Kleidung der Juden oder vielleicht sind es auch die Sterne des Ruhms, der
dem Mann blüht, wenn er seine Aufgabe gewissenhaft erfüllt.
"Er tritt vor das Haus" und hier scheint es, er sei eine andere
Person, all die erdachte Harmlosigkeit, die er im Haus ausstrahlte, ist
verschwunden, er "pfeift seine Juden hervor", im Gegensatz zu seinen
Rüden, die er herbei pfeift. Die Juden stehen noch unter den Hunden oder
Aufsehern, die ja ebenso auf die Befehle des Kommandanten dressiert waren. Die
Insassen dürfen sich nur blicken lassen, wenn er es will. Es heisst seine
Juden, sie sind sein Eigentum, er hat das Recht, alles mit ihnen zu machen, was
er will.
Die einen "lässt er schaufeln, ein Grab in den Lüften". Diese
alogische Wortverbindung lässt an die Verbrennung der Juden denken. Dieser
Eindruck bestätigt sich an anderer Stelle, als sie als "Rauch in die Luft
steigen". Die anderen sollen zum Tanz aufspielen. Die KZ-Kapelle spielt
auf, zum Totentanz, sie spielt bei Hinrichtungen und begleitet damit den Tod.
Der Tod, der ein "Meister aus Deutschland" ist, hat blaue Augen und
vergöttert die Margarete mit den goldenem Haar, welche für die typische
Deutsche steht. Das goldene Haar als Zeichen für Sieg, für das Gold einer
königlichen Krone. Die paradoxe Verschränkung des goldenen Haares mit dem
aschenem der Sulamith, welches für Tod und Verbrennung steht, zeigt den
Gegensatz.
Die Verse "der Tod ist ein ... er trifft dich genau" beschreiben den
Zielvorgang bei einer Hinrichtung. Gleichzeitig ist das der einzige Reim im
ganzen Gedicht. Inhaltlich und stilistisch ist das der Höhepunkt, danach wirkt
die Atmosphäre entspannter. Dass der Vorgang des "Grab schenkens"
ebenso, ironisch, beschrieben wird, zeigt, dass die Angst eigentlich schon vom
Opfer gewichen ist, übrig bleibt nur noch der verdrehte Sinn der Wörter, der
Wahnsinn, der um sich greift.
Die beiden letzten Verse zeigen einen Parallelismus auf, die das deutet auf das
unauflösliche Verhältnis zwischen Opfer und Täter hin, sie begehen die Tat
Hand in Hand, der eine wäre ohne den anderen nicht das, was er ist.